The big sick – Tag 2 – Therapie von Schwerkranken/Schwerstverletzten innerhalb der 1. Stunde

Zermatt. Auf 1605 Höhenmeter liegt der Schweizer Ort am Fuße des Matterhorns. Umgeben von mehreren Viertausendern stellte er schon lange eine Idylle der Alpen dar. Touristen, Wintersportler, Bergsteiger finden sich hier jedes Jahr im Sommer als auch im Winter ein und gehen ihren Freizeitaktivitäten nach. Ab und an passiert auch ein Unfall hier, dann kommt die Air Zermatt ins Spiel, die Luftrettung der Zermatter Berge.

Bevor jedoch die Air Zermatt besucht wird, das passiert nämlich morgen, steht ein Tag mit weiteren spannenden Talks an. Neue Hybrid-Schockräume in Japan und ECMO sieht Zack Shinar als die Zukunft der innerklinischen Notfallmedizin an. Er wirkt bei seinem Vortrag beinahe wie ein Hollywood-Star.

REBOA bei traumatischem Kreislaufstillstand oder als Blutungskontrolle war gestern. In Norwegen stellt gerade ein ambitionierter Anästhesist sein PhD Projekt auf die Beine und organisiert REBOA-Einsätze bei nicht-traumatischem, prähospitalen Kreislaufstillstand. Seine These ist, dass durch den Minimal-Kreislauf (Ballon distal der linken Arteria subclavia) höhere ROSC-Raten erzielt werden können

ILCOR in Person von Prof. Charles Deakin (kennt man von den ERC-Guidelines) war auch vertreten. Die Paramedic2 Studie habe gezeigt, dass zwar öfters ROSC erzielt werde, das gute neurologische Outcome jedoch nicht signifikant häufiger war. Generell gebe man tendenziell zu viel Adrenalin, die Dosis von 1 mg wurde eben nie wissenschaftlich eruiert. Möglicherweise könne sogar eine kontinuierliche Gabe, z.B. mittels dirty epinephrine drip, Benefits bringen, so Deakin. Double sequential defibrillation könne mit dem Risiko angewendet werden, dass die Defibrillatoren Schaden nehmen. Weiters kann nicht genau eruiert werden, ob die 2 Schocks wirklich zur selben Zeit oder Millisekunden verzögert appliziert werden. Zum Ende seines Vortrages gab er noch im Scherz bekannt, warum er nicht „twittere“: „because then ILCOR would fire me.“

Als nächstes präsentierte das THOR Netzwerk aus Norwegen im völligen Kontrast zur gestrigen Lecture von Benedikt Lorenz ihren Zugangsweg zur Massentransfusion – nämlich Verwendung von WHOLE BLOOD (Vollblut).

In der norwegischen Marine werden alle Besatzungsmitglieder im Falle eines Angriffes bzw. im Falle von Patienten, die eine Massentransfusion benötigen, als „walking blood donors“ herangezogen. Jeder Soldat habe an der Rückseite seine schusssicheren Weste einen Blutbeutel, der eben im Anlassfall mit seinem Vollblut gefüllt werden kann. Die Soldaten werden vorab getestet, so dass die Blutbeutel bereits fertig beschriftet sind.

Dr. Spinella, ein pädiatrischer Intensivmediziner und ehemaliger Militärarzt der USA in Bagdad, gehört ebenfalls dem THOR Netzwerk an. Die theoretische DO2 mit den verschiedenen Massentransfusionsprotokollen sieht man anschließend. Vollblut solle hier einen Vorteil bringen und das Outcome verbessern – Studien dazu gibts es nur bedingt.

Nach der letzten Session traf man sich noch an der Bar des Hotel Alex und bekam von einem US-Paramedic und einem Pararescue Jumper der US-Airforce eine 2-stündige Einschulung auf die verschiedensten Tourniquets. Die Anwendung erscheint einfach, doch gibt es einige Pitfalls und Tipps/Tricks, die beachtet werden müssen. Jeden angelegten Tourniquet soll man demnach: 1. Optimal anlegen, 2. Reevaluieren (Lage, Festigkeit), 3. Downgraden (Nach distal verschieben; bei minimaler Blutung – Druckverband und Tourniquet entfernen)

So das war wieder unsere kleine Zusammenfassung des 2. Tages. Für morgen steht der Besuch des Heliports Air Zermatt an.

YEMA bei der „the big sick“ conference in Zermatt

Im Schweizer Skiort Zermatt ist sie wieder zusammengekommen, die Community der Notfall- und Intensivmedizin. Internationale Größen dieser Community präsentieren hier die neuesten Errungenschaften und die vielversprechendsten Studien. Es werden Workshops, Hands-On Trainings als auch Longline Training mittels Helikopter angeboten, und das alles unter der Schirmherrschaft der berühmten Air Zermatt.

Der erste Tag der Konferenz startete mit Dr. Michael Seltz Kristensen. Unter dem Motto „Waking up the patient is not an option“ wurden (seltene) Varianten des Atemwegsmanagement – z.B. die retrograde Intubation – Schritt für Schritt erklärt. Interessanterweise verwendet man dafür einen Epiduralkatheter und schiebt diesen retrograd nach oral. Weiter ging es mit Airway Management in der Intensivmedizin. Einen Plan für den „unexpected difficult airway“ zu haben und vor der Intubation kurz innezuhalten, bringt alle Teammitglieder auf die selbe Seite. Auf der ICU empfiehlt Dr. Soren Rudolph mehr Feng Shui zu erzeugen, da diese ein „terrible environment“ für die Intubation sei – Stichwort Platz schaffen.

Wenn Captain David Kelly über Helikoptereinsätze spricht, empfiehlt er, Piloten sollten eher älter, reif und runzlig sein – denn HEMS-Einsätze sind für alle Mitarbeiter stressig. Aber nicht für alle zur selben Zeit… (blau – Pilot, rot – Doctor, Paramedic)

Das Nachmittagsprogramm wurde von Prof. Tim Harris, Experte für Sonographie während des Kreislaufstillstandes, eingeläutet – er warnte vor schlechter inter-observer Reliabilität bei der Untersuchung von Asystolie. Daher soll immer der am besten trainierte Sonographer beim Kreislaufstillstand schallen. Auch laut den ERC Guidelines soll die Sonographie in der Reanimation erogen werden.

Nach einem Vortrag über prähospitale Amputation und prähospitale Anästhesie (Dose low, Paralytics high), gefolgt von einem Hühnerstall im französischen Schockraum (Team leadership!!!) und über Bell’s Helikopterflotte, war wieder Tim Harris an der Reihe. In seinem Dogma der frühen Resuscitation im traumatischen Schock plädiert er für einen kompletten Verzicht von Kristalloiden und schlägt vor, lediglich Blutprodukte zum Wohle der Blutgerinnung des Patienten zu geben. Dem gegenüber stand Dr. Benedikt Lorenz aus dem „Ruhr Pott“ (Studium an der MedUniGraz), der eine ROTEM gesteuerte, Faktoren- und Fibrinogen-basierte Therapie von Trauma-Patienten anwendet. An seiner Klinik in Essen werden zeitlich versetzt mehrere ROTEMs für einen Patienten durchgeführt – damit können Blutprodukte massiv eingespart werden. Für manche Teilnehmer aus den USA war dieses Konzept nicht sinnhaft genug – eine spannende und emotionale Diskussion wurde im Anschluss an diese Vorträge geführt, in der sich die unterschiedlichen Paradigmen noch stärker darstellten.

ECMO darf natürlich auch nicht fehlen…

So, das war die kurze Zusammenfassung vom 1. Tag der „the big sick“ conference. – 2 weitere interessante Tage werden folgen. Wir halten euch auf dem laufenden.

Indikation für NIV und Respirator im NAW oder NEF, aber sowieso gleich in der Notaufnahme?

Ein kurzer Transportweg ist kein Grund, nicht-invasive Beatmung (NIV) einem Patienten vorzuenthalten.

Das propagiert zumindest eine Studie aus Deutschland, die im American Journal of Emergency Medicine publiziert wurde. Hier wurden Patienten mit respiratorischer Störung (Lungenödem, COPD) mittels CPAP, CPAP + ASB (assisted spontaneous breathing) oder mit BIPAP (bilevel inspiratory positive airway pressure) behandelt und diese mit einer Gruppe verglichen, die keine Beatmungstherapie bekam.

Es zeigte sich ein Vorteil für die Patienten mit NIV Therapie jeglicher Art, selbst wenn der Transport bzw. die prähospitale nicht-invasive Ventilation nur im Schnitt 15 Minuten betrug. Sie schlossen jedoch nur aufgrund von günstigen Surrogatmarkern auf ein verbessertes Outcome.

Die Studienautoren empfehlen daher, jeden Patienten mit COPD-Exazerbation oder kardiogenem Lungenödem (bei hämodynamischer Stabilität) nicht-invasiv zu beatmen, auch wenn der Transport sehr kurz ist.

Studie:

https://www.ajemjournal.com/article/S0735-6757(18)30557-6/fulltext

Hier noch ein von Joseph Pultar verfasster Artikel auf #DasFoam über NIV:

 

NIV Teil I

NIV Teil II

UARGHH… Intubation bei un-/erwartetem Erbrechen oder massiver Blutung

UARGHH… Intubation bei un-/erwartetem Erbrechen oder massiver Blutung

Wir stellen hier die Vorgangsweise von Sydney HEMS bei unerwartetem oder erwartetem Erbrechen bzw. bei massiver Blutung im Bereich des oberen Atemweges vor. Grundsätzlich besteht bei jedem nicht nüchternen Patienten (Nahrungsaufnahme <6h) ein erhöhtes Risiko für Aspiration und Trauma-Patienten werden generell als nicht-nüchtern angesehen, da bei diesen die Magenentleerung gestört ist.

  • Prävention: Kopf/Oberkörper hoch bei allen Patienten – Reduktion des Risikos für passive Regurgitation
  • Kommunikation und Schutz: Allen Teammitgliedern die Gefahr kommunizieren und (wenn vorhanden) selbst Augenschutz anlegen
  • Absaugung: 2 funktionstüchtige Absauger bereithalten und vorab testen

-Normale Absauger mit Fingertip sind unsicher, da das Fingertip-Loch manuell verschlossen werden muss

-Sauger mit großem Lumen oder im besten Fall nur großen Absaugschlauch verwenden – vor allem bei grobem Erbrochenen

-Ein Tubus Größe 6 ohne Tubus-Adapter kann ebenfalls als idealer Absauger verwendet werden, wenn er auf den Absaug-Schlauch gesteckt wird. Der Vorteil davon ist nicht nur das große Lumen, sondern auch der gewollte Verzicht auf den Fingertip.

-Weiters kann auch ein kommerziell verfügbarer, fester DuCanto-Absaugkatheter empfohlen werden, der die Form eines chirurgischen Absaugkatheters hat. (Conflict of Interest ausgeschlossen)

Zusätzlich gibt es Evidenz dafür, dass eine beabsichtigte „Intubation“ des Ösophagus eine Regurgitation verhindern kann, gleiches funktioniert auch zur Ableitung einer massiven Blutung bei z.B. Ösophagus-Varizen Blutung.

 

Hier könnt ihr weitere Informationen bzw. die Originalstudien nachlesen:

  • Kei J, Mebust DP. Comparing the Effectiveness of a Novel Suction Set-up Using an Adult Endotracheal Tube Connected to a Meconium Aspirator vs. a Traditional Yankauer Suction Instrument. The Journal of emergency medicine 2017;52:433-7.
  • Kornhall DK, Almqvist S, Dolven T, Ytrebo LM. Intentional oesophageal intubation for managing regurgitation during endotracheal intubation. Anaesthesia and intensive care 2015;43:412-4.
  • https://sydneyhems.com/2017/05/05/vomit-control-at-sydney-hems/
  • https://emcrit.org/emcrit/having-a-vomit-salad-with-ducanto/

 

 

Bolus-Vasopressoren

Vasopressoren in der Notfallmedizin

Vasopressoren werden Notfallpatienten verabreicht, um den Blutdruck und somit die Organperfusion aufrechtzuerhalten.

Bolus-Vasopressoren

Folgende Situationen können unter anderem einen Vasopressor-Einsatz erfordern:

  • Rapid Sequence Induction
  • ROSC
  • Procedural Sedation (z.B. Analgosedierung zur Reponierung von Frakturen)
  • Peri-Arrest-Situation
  • Überbrückung bis zur Anwendung von kontinuierlicher Katecholamingabe

Wichtig ist die genaue Dosierung bzw. das Mischverhältnis, denn die unbeabsichtigte Gabe einer zu hohen Dosierung kann Patienten durchaus auch immensen Schaden zufügen. (!) Die im Infograph angegebenen Dosierungen sind lediglich Vorschläge und sollten im Einklang mit lokalen bzw. Krankenhaus- oder Rettungsdienst-internen Algorithmen verwendet werden.

Wir haben für Euch die gebräuchlichsten Vasopressoren, die als Boli verabreicht werden können, in einem Infograph dargestellt. Weitere ebenfalls in Österreich verwendeten Vasopressoren sind z.B. Akrinor® oder Ephedrin.

 

 

Notfallthorakotomie

Im Jahr 1902 wurde Dr. Luther Leonidas Hill in Alabama zu einem 13-jährigen Buben gerufen, der eine Stichverletzung in den Thorax aufwies und dessen Puls nur mehr schwach zu tasten war. Der Arzt erkannte den Ernst der Lage und führte an Ort und Stelle eine Thorakotomie am Küchentisch durch, wodurch er eine linksseitige, kardiale Wunde nähen konnte. Der Bub überlebte und konnte eine volle Genesung erreichen. Dies war der erste dokumentierte Fall einer prähospitalen Notfallthorakotomie.

Die prähospitale Notfallthorakotomie wird heutzutage eindeutig von der elektiven und der dringlichen Thorakotomie unterschieden und wird im englischen Sprachraum als „Resuscitative Thoracotomy“ bezeichnet – also „lebensrettende Thorakotomie“. Diese Maßnahme ist schon seit langem im Notfallmanagement von traumatischen Verletzungen bekannt und wird seit Jahrzehnten im anglo-amerikanischen Raum in Notaufnahmen durchgeführt. Das London-HEMS-Team (Helicopter Emergency Medical System) machte die Notfallthorakotomie weltbekannt, da es unter anderem die Durchführung auf das Wesentlichste beschränkt und damit durchaus gute Outcomes erzielt.

Da Thoraxchirurgen nicht innerhalb des Zeitlimits von < 10min nach einem traumatischen Kreislaufstillstand beim Patienten sein können, wird die prähospitale Notfallthorakotomie durch Nicht-Spezialisten (in Thoraxchirurgie) durchgeführt, nämlich von speziell geschulten Notfallmedizinern, Notärzten, Anästhesisten oder Unfallchirurgen.

Das YEMA-Team hat die aktuelle Datenlage und die aktuelle Vorgehensweise als Infographic dargestellt. Wir hoffen, Ihr habt damit Spaß und freuen uns auf eine angeregte Diskussion.

Weiterführende Quellen/Videos/Podcasts:

London HEMS: https://www.youtube.com/watch?v=vd9gKGkGFd4

Sydney HEMS: https://www.youtube.com/watch?v=uqltLKpuCig

Notaufnahme Thorakotomie (linksseitig): https://www.youtube.com/watch?v=8BlPxQI2C90

Podcast The Resus Room: http://theresusroom.libsyn.com/podcast/traumatic-arrest-roadside-to-resus

 

  1. Truhlar A, Deakin CD, Soar J, et al. European Resuscitation Council Guidelines for Resuscitation 2015: Section 4. Cardiac arrest in special circumstances. Resuscitation 2015;95:148-201.
  2. Wise D, Davies G, Coats T, Lockey D, Hyde J, Good A. Emergency thoracotomy: „how to do it“. Emergencymedicine journal : EMJ 2005;22:22-4.
  3. Coats TJ, Keogh S, Clark H, Neal M. Prehospital resuscitative thoracotomy for cardiac arrest after penetrating trauma: rationale and case series. The Journal of trauma 2001;50:670-3.
  4. http://www.awmf.org/uploads/tx_szleitlinien/012-019l_S3_Polytrauma_Schwerverletzten-Behandlung_2017-08.pdf
  5. Sherren PB, Reid C, Habig K, Burns BJ. Algorithm for the resuscitation of traumatic cardiac arrest patients in a physician-staffed helicopter emergency medical service. Critical care 2013;17:308.
  6. Lockey DJ, Lyon RM, Davies GE. Development of a simple algorithm to guide the effective management of traumatic cardiac arrest. Resuscitation 2013;84:738-42.
  7. Athanasiou T, Krasopoulos G, Nambiar P, et al. Emergency thoracotomy in the pre-hospital setting: a procedure requiring clarification. European journal of cardio-thoracic surgery : official journal of the European Association for Cardio-thoracic Surgery 2004;26:377-86.
  8. http://www.necn.nhs.uk/wp-content/uploads/2014/05/2015-02-23-Thoracotomy-SOP.pdf

 

 

Brrr…. Hypothermie

Hypothermie

Weihnachtszeit und Winter stehen vor der Tür – und somit auch kalte Temperaturen. Das hat uns veranlasst, für Euch die Grundlagen und Therapie der Hypothermie, sowie die dadurch notwendigen Änderungen im Reanimationsalgorithmus in einen Infograph zu verpacken, damit ihr für die hypothermen Notfälle gerüstet seid.

Eine Kernbotschaften ist, die Entscheidung zum Abbruch einer CPR unbedingt davon abhängig zu machen, ob eine Hypoxie vor oder nach Beginn des Kreislaufstillstandes aufgetreten ist. Zweiteres ist mit einer deutlich höheren Überlebenswahrscheinlichkeit verbunden. Daher gehört eine gute Anamnese bzw. Befragen von Angehörigen/Rettungsmitgliedern zu einer der wichtigsten Aufgaben von Notfallmedizinern oder von Notaufnahme-Mitarbeitern.